Keupergesteine 2

Das kleine O fragt sich, wie alt die Keupergesteine wohl sind. Resi muss mal wieder gähnen. Das kleine O wartet kurz, bis Resi ausgegähnt hat, und dann sagt es: Du, Resi, seit neun Jahren stehe ich nun schon in meinem Satz, du weißt schon, in dem Buch nebenan... Ich bin also neun Jahre alt. Und du? Als Keupergestein? Wie alt bist du? Ist das unhöflich, wenn ich dich so direkt frage?

 

Nein, mein Kleiner, du darfst das! Außerdem bin ich stolz auf mein Alter. Also, hör zu:

Als Resi leicht dozierend anfängt, von seinem  Alter und vom Keuper überhaupt zu erzählen und kaum ein Ende findet, kommt das kleine O wieder näher heran. Es muss ab und zu lachen, wie Resi eifrig erzählt und dabei den Blick träumend in die Ferne richtet:

Die Geschichte der Erde beginnt vor etwa 4500 Mio. Jahren und ist grob unterteilt in ein Erdaltertum, ein Erdmittelalter und eine Erdneuzeit. Das Erdmittelalter ist etwa die Zeit von 250 - 65 Mio. Jahren vor heute. Der älteste Abschnitt im Erdmittelalter ist die Trias, die Zeit etwa zwischen 250 - 200 Mio. Jahren. Wir Keupergesteine entstanden über einen langen Zeitraum von 35 Mio. Jahre hinweg, vor etwa   235 - 200 Mio. Jahren.

 

Du bist also über 200 Mio. Jahre alt. Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Ist das eine lange Zeit?

 

Ich glaube schon, mein Kleiner. Du bist 9 Jahre alt, ich bin über 200 Mio. Jahre alt. Zähl doch mal bis 9!

 

Ach, das geht schnell: 1,2,3,4,5,6,7,8,9. Das kleine O zählt.

 

Der alte Resi erklärt: Um auf 9 zu zählen, brauchst du etwa 3 Sekunden. In einer Sekunde kannst du also auf 3 zählen, in einer Minute auf 180, in einer Stunde auf 10800, in einem Tag auf 259200. Dann müsstest du 772 Tage lang weiter zählen, ununterbochen von früh bis spät, um 200 Millionen zu erreichen. Das würde über zwei Jahre dauern, und du wärest dann 11.

 

Das kleine O ist beeindruckt, schweigt ein Weilchen und fragt dann: Und diese Zeit        vor über 200 Mio. Jahren ist deine Zeit, die Keuperzeit?

 

Nein, die gibt es nicht mehr. Der Keuper hatte mal Rang und Namen. Es gab einen Unteren, Mittleren und Oberen Keuper. Ich selber fühle mich auch heute noch als Teil des Mittleren oder Bunten Keupers oder auch des Gipskeupers. Aber heute bin ich offiziell ein Teil der späten Trias. Und statt dem so anschaulichen Wort Gipskeuper gehört mein Gesteinshorizont jetzt zur Grabfeld-Formation. Also, da denkt man doch eher an Friedhof als an Gips, oder?  Aber was soll man machen? Moderne Zeiten!

Das kleine O muss lachen, weil Resi so mit Eifer und Ausdauer erzählt. Aber jetzt ist es mit Resi auch ein kleines bisschen traurig. Wenn so der eigene Namen an Bedeutung verliert... Aber schon macht es sich wieder neugierig auf den Weg.

Das kleine O kennt nun schon ein bisschen das ausgelaugte Tongestein des Gipskeupers, Resi, den drusigen Tonstein (1), die braunroten und grüngrauen Tonsteine im Deckel (2) und den mit Calcitkristallen besetzten Tonstein (3). Jetzt fällt sein Blick auf einen körnchendurchsetzten Ton-stein mit rauer Oberfläche (4).

Der körnchendurchsetzte Mergelstein (der Ton-mergelstein, die Tonstein-Varietät) stammt auch aus dem Gipskeuper. Es ist auch ein Gipsauslau-gungsrückstand, ein Residuum.

Das kleine O erinnert sich an Resis Bemerkung, dass in den Residuen neben Ton und Kalk auch Quarz sein kann. Das Grundwasser holte sich den Gips, brachte ande-rerseits aber gelösten Kalk und Kieselsäure für den Quarz mit sich.

Dem kleinen O geht durch den Kopf: Wasser würde mir helfen, den Ton zu entdecken. Mit einer Säure könnte ich den Kalk nachweisen. Und mit einem Glas könnte ich dem Quarz auf die Spur kommen.

Das kleine O denkt: Mit dem Finger könnte man in ein Wasserschälchen tupfen, dann mit dem nassen Finger über den körnigen Stein reiben. Das Wasser würde die Tonteil-chen aus dem Stein lösen und aufnehmen. Nach einer Weile würde eine braune Brühe vom Finger tropfen. Im schlammigen, tonigen Tropfen könnte ich mich spiegeln oder auch tonfreie, reine Wassertropfen sehen.

Der Tonmergelstein enthält Kalk-, Ton- und Quarz-teilchen. Der Stein wird mit Salzsäure versetzt. Die Säure reagiert nur mit den Kalkteilchen.

Die Kalk-, Ton- und Quarzteilchen sind miteinan-der verklebt, verbacken. Kalk, Ton, Quarz, alle drei können in Gesteinen Klebstoff, das Binde-mittel oder der Zement, sein, karbonatisch, tonig oder kieselig. Bei diesem Keupergestein löst die Säure die Kalkteilchen auf. Die hellen  Steinkörn-chen werden locker. Sie sind nicht mehr verklebt. Mit einem Messer lassen sie sich leicht aus dem Stein herauskratzen.

Das kleine O stellt sich vor, wie es um den körnigen Stein herum sprudelt und zischt. Es denkt: Oh, diese Gasblasen! Oh, dieses unruhige Geblubbere! Da würde ich gern ein sprudelndes Gasblasenbad nehmen. Das muss sich wunderbar anfühlen. Und schon sieht sich das kleine O in der Säure!        Kindlicher Leichtsinn eines Neunjährigen? 

                                                

Es erhebt sich die Frage, ob das gut gehen würde. Ist das kleine O der Säure gewachsen: Wer wagt, gewinnt? Wer wagt, zerrinnt?

(Legt man die Buchseite mit dem Satz, in den das kleine O gehört, in zehnprozentige Salzsäure, dann... - Lösung am Ende von Keupergesteine 2)  

Ein paar der herausgekratzten Steinkörner werden auf einen gesäuberten Marmeladenglasdeckel gelegt und noch einmal mit Salzsäure versetzt.

Wieder bilden sich Gasblasen, aber nicht so viele. An den Steinchen kleben noch Kalkreste, welche die Salzsäure nun endgültig auflöst.

Die Steinchen werden abgetrocknet und geputzt und dann zum Größenvergleich auf eine 1-Cent-Münze gelegt.

Danach kommen sie noch einmal in ein Säurebad. Es gibt keine Reaktion mehr. Es bilden sich keine Gasblasen. Die Steinchen sehen eher eckig-kantig aus als rund.

Für die Finger sind die Steinchen zu klein. Ein Steinkörnchen wird deshalb in die Zange genom-men. Ein grünschwarzes Mineral, ein Malachit-Stück, liegt bereit.

Mit dem Steinkörnchen kann man den Malachit zerkratzen. Der Malachit hat eine Mohshärte von 3,5-4. Die Mohshärte des Steinkörnchens liegt bei der Tiefe der Kratzer deutlich höher. Im Gipskeu-pergestein  sind nicht selten die Lösungsrück-stände, die Gipsauslaugungsresiduen, eine Mischung aus Kalk-, Ton- und Quarzteilchen. Das zerkratzende Steinkörnchen wird wohl der Quarz mit einer Mohshärte von 7 sein.

Ein Calcit-Steinchen mit der Mohshärte 3 kann den Malachit nicht zerkratzen.

Das kleine O hat offensichtlich das Säurebad gut überstanden. Es guckt in ein Marmeladenglas und denkt: Das Glas ist leer. Das ist gut so. Dann sieht man jeden Kratzer auf dem Glas. Wenn man mit dem körnigen Stein auf dem Glas herumkratzt und es gibt tatsächlich Kratzer, dann wäre das ein Hinweis auf Quarz. Die Körnchen wären Quarzkörnchen. Quarz mit einer Mohshärte von 7 kann Glas zerkratzen. Sagt jedenfalls Resi.

Die harten Körnchen in diesem Keupergestein aus dem Gipskeuper zerkratzen das Glas.

 

Das kleine O schaut sich auf dem Tisch mit den Keupergesteinen weitere Mergelsteine oder Ton-mergelsteine oder Tonsteinvarietäten an, die im Gipskeuper, im Mittleren oder Bunten Keuper oder in der Grabfeld-Formation zu finden sind:

Grabfeld-Formation, Gipskeuper: Auslaugungs-rückstand, Gipsresiduum mit zusammenge-backenen Quarzkörnern. Die Quarzkörner sind eher eckig als rund, das Gestein wirkt eher brekziös als konglomeratisch. Man könnte von einer Quarzbrekzie sprechen.- Solche Funde gibt es in den Weinbergen von Illingen, Lienzingen, Schützingen.

Gipsresiduum, Weinberg-Gestein wie oben

Grabfeld-Formation, Gipskeuper: in sich zusam-mengesunkener, ausgelaugter, schlackeförmiger, feingeschichteter Tonstein (Gipskeupermergel-stein), reichlich mit Calcit durchsetzt, der hier aber keine sichtbaren Kristalle zeigt (6). - Mühlacker-Sengach, auf den Äckern südlich des Orts zum Enztal hin.

Grabfeld-Formation, Gipskeuper: Auslaugungs-rückstand, Gipsresiduum (6) - Waldweg im Kißling, östlich von Mühlacker.

Voriges Handstück von der Seite: kleine Calcit-Säulen sitzen dicht an dicht auf einer Grundfläche, die einzelene dünne Schichten von unterschied-licher Dicke zeigt. Zwischen den Schichten ist vermehrt Calcit eingelagert. Der Gips wurde aufgelöst, der Calcit wurde abgeschieden und hat die fasrige Form des Gipses übernommen. Calcit-Säulen haben sich herausgebildet.

Gipsresiduum mit Calcitdrusen (7) - Illingen, Neue Weinberge.

Grabfeld-Formation, Gipskeuper: Dieser Gips-keupermergelstein, diese Tonstein-Varietät, liegt als grauer Steinbrocken am Ackerrand. Mit einem Hammerschlag lässt er sich leicht zerschlagen und zeigt dann sein helles, weißes Innere, das in einem starken Gegensatz zur belanglos grauen Außenhaut steht. - Mühlacker-Sengach, südlich des Orts, am Sträßchen, das am Friedhof vorbei-führt.

Das kristalline Innere des Steins besteht aus zusammengebackenem Calcit und Quarz. Die beiden Mineralien sind mit dem bloßen Auge kaum zu unterscheiden. Die Salzsäure hilft bei der Unterscheidung. Unter dem Mikroskop wird der Quarz sichtbar, weil er im Gegensatz zum Calcit nicht auf die Säure reagiert. Dort, wo Gasblasen zu sehen sind, wird gerade der Calcit aufgelöst. Die eher gasblasenfreien, ganz hellen Stellen, zeigen den Quarz.