Keupergestein 1

Die Gesteine des Keupers findet der Wandernde auf den Äckern des Enzkreises nördlich einer Linie von Eisingen, Kieselbronn, Mühlacker-Sengach, Mühlacker-Großglattbach oder in den Weinbergen von Ölbronn, Lienzingen, Illingen oder Schützin-gen. (Die meist unzugänglichen Steinbrüche sind hier kein Thema.)

Hier werden ein paar Keupergesteine mit Text, Bild, Zahl, Karte, Ortsangabe, mit einem Spiel oder einer Geschichte vorgestellt. Los geht es mit einer Geschichte, nämlich mit der Geschichte  vom kleinen O:

 

Das kleine O hat gerade seinen Satz verlassen, aus einem Text in einem geöffneten Buch, das auf einem Schreibtisch liegt. Es ist ein kurzer Satz, schlicht und schön und inhaltlich so unbeschwert.

Dem kleinen O ist aber im Augenblick nicht so nach schlichter Schönheit. Es langweilt sich und fasst den Entschluss, abzuhauen, jedenfalls für eine kleine Weile. Es möchte mal etwas anderes sehen, als immer nur lesende Augen. Tschüss Satz, Tschüss Buch, Tschüss Schreibtisch!, murmelt das kleine O vor sich hin und verschwin-det durch die nächste Tür hindurch.

Durch die Tür hindurch ins Zimmer nebenan! Dort fällt dem kleinen O sofort der große Tisch auf. Auf der Tischplatte liegen wohl geordnet viele, viele bunte Steine. Ein paar ganz kleine sind in drei Marmeladenglasdeckeln zu sehen.

Ein heller Stein ganz rechts außen mit einem glitzernden Loch weckt seine Neugier. Das kleine O nähert sich dem Stein und denkt:

Oh, dieses Loch. Sieht interessant aus. Was da drin wohl glitzert? Aber drum rum, ziem-lich rau und grob das Ganze, na, zumindest im Gegensatz zu meiner schönen Rundung.

Das kleine O will sich gerade einen anderen Stein näher ansehen, als ein Zittern durch den Stein mit dem Loch geht. Der Stein fängt an, sich zu ver-ändern! Nach und nach kommt da ein stein-bärtiger alter Mann zum Vorschein. Er hat eine flache Nase und trägt eine dunkle Sonnenbrille. Aus dem Loch wird ein weit aufgerissener, zahn-los gähnender Mund. Und schon ist ein unter-drücktes gähnendes Geräusch zu hören. Das kleine O schaut mit großen Augen und offenem Mund der Verwandlung zu.

Als er fertig gegähnt hat, sagt der Steinbärtige, ohne das kleine O anzusehen, mit rauer Stimme:

 

Hallo Kleiner, entschuldige, wenn ich dich hier so angähne! Aber ich fühle mich gerade mal wieder so fürchterlich müde und ausge-laugt. Und dann kann ich nicht anders, da muss ich einfach gähnen.

 

Und schon gähnt er wieder, lange und diesmal deutlich lauter.

Das kleine O sagt gar nichts. Es hat sich wieder gefangen. Ja, es lächelt jetzt sogar ein bisschen amüsiert vor sich hin und denkt:

 

Oho, wie schnell doch jetzt aus dem Loch mit dem glitzernden Zeugs drin ein Mund mit Zähnen geworden ist.

Aber die Verwandlung geht nach einem erneuten, noch lauterem Gähnen weiter! Die Sonnenbrille verschwindet. Die abgeplattete Nase wird voller, der Mund lippiger. Die Zähne erhalten Form und Glanz. Große freundliche Augen schauen das kleinen O an. Und mit einer angenehme Stimme sagt der Steinbärtige:

 

Hallo, Kleiner! Entschuldige noch einmal! Aber wenn ich gähnen muss, da muss ich einfach gähnen. Wer bist du denn? Wo kommst du denn her?

 

Ich heiße Kleines-O. Auf dem Schreibtisch nebenan liegt ein Buch. In dem Buch steht ein Satz. Aus dem Satz bin ich für ein Weil-chen abgehauen. Ich gehöre zur großen Familie der Laute und Buchstaben. Und wer bist du?

 

Ich bin ein Keupergestein, ein ausgelaugtes Keupergestein, ein Residuum, kurzum, ich bin der Resi. Der Resi aus dem Gipskeuper.

 

Kaum hat er das gesagt, gähnt er auch schon wieder, lange und laut. Dem kleinen O gehen viele Fragen durch den Kopf. Es wartet das laute Gähnen geduldig ab, und dann fragt es:

Sag mal, Resi, was heißt das: Du fühlst dich müde und ausgelaugt? Und warum gähnst du dauernd? Und was ist ein Keuperstein? Und warum bist du ein Rehsidumm?

Gemach, gemach, Kleiner! So viele Fragen auf einmal! Also, erstens bin ich kein Keu-perstein, sondern ein Keupergestein und zweitens keine Rehsidumm, sondern ein Residuum, hinten mit einem "u-um" gesprochen.

 

Und was heißt das genau, Residuum?

 

Übersetzt heißt das der "Rest" oder der "verbleibende Rest", was halt so übrig bleibt. So wie ich heute aussehe, sah ich nicht immer aus. Einst steckte viel Gips in mir drin. Und mein Zuhause war unter der Erdoberfläche, einige Meter tief im Erdin-nern. Dort kam ich dann eines Tages mit Grundwasser in Berührung. Gips ist leicht löslich. Das Wasser löste den Gips aus mir heraus und führte ihn weg. Das Wasser laugte mich aus. Ich verlor an Substanz.  Mein rechtes Auge wurde kleiner, meine Nase platter, und mein Mund eine zahnlose Höhle. Seitdem fühle ich mich häufig aus-gelaugt und müde.

 

Weil du ein ausgelaugtes Gestein bist, fühlst du dich ständig ausgelaugt, schlapp und müde! Stimmt das so?

 

So ist es, Kleines-O.

Und weil du dich müde und ausgelaugt fühlst, musst du gähnen.

 

Ja, Kleines-O, so ist das. Aber das Gähnen vertreibt nicht nur das Gefühl, ausgelaugt zu sein, es bringt mir auch meine ursprüngliche Form, mein ursprüngliches Aussehen zurück.

 

Ich glaube, ich verstehe jetzt... Je lauter und länger das Gähnen, desto näher kommst du  deiner ursprünglichen, nicht ausgelaugten Form.

 

Ja, so ist es.

 

Und als du mich zum ersten Mal gesehen hast, wolltest du mich nicht erschrecken und hast nur kurz und leise gegähnt, richtig?

 

Ja, so ist es, Kleines-O.

Laut oder leise, kurz oder lang - ein Gähner bringt die unterschiedlichsten Zwischen-formen mit sich! Aber das mit der Sonnen-brille ist mir nicht klar.

 

Wir, meine Gesteinsbank und ich, wir wurden ja im Erdinnern ausgewaschen. Später kamen wir irgendwie an die Erd-oberfläche. Da war es plötzlich hell. Wir waren geblendet. Wir formten uns unsere eigenen steinernen Sonnenbrillen.

 

Und habt angefangen zu gähnen?

 

Ja, durchs Brillentragen und die ersten Gähnversuche mussten wir alle durch, erst Jahre später gelang es uns, perfekt zu gähnen und die Brille zu vermeiden.

 

Na, dann gähne nur lang und laut, denn die Brille ist ja nicht gerade das Tollste!

 

Das sehe ich auch so, Kleiner!

Aber sag mal, Resi, wenn man dich nicht sieht, dann fällt vor allem dein Loch mit dem Geglitzer drin auf. Ist das noch ein bisschen Gips?

 

Nein, mein Kleiner. Das sind Calcit-Kristalle. Als der Gips aus mir herausgelöst war, blieb ein Hohlraum, in dem sich später aus einem kalkhaltigen Grundwasser heraus Calcit-Kristalle bildeten. Ein solches Loch mit Kristallen ist eine Druse, nicht nur ein Loch. Die Kristalle glitzern ein wenig bei wechseln-dem Licht.

 

Und wenn du nicht ordentlich lang gähnst, versucht der Calcit, Zähne zu bilden. Sie sind aber nicht ganz so schön wie die aus Gips.

 

So ist es, Kleines-O.

 

Du bist ein Keupergestein, hast du gesagt. Was ist das für ein Wort? Keuper?

Unter den Keupergesteinen gibt es einen bunten, bröckeligen Tonstein, der im Frän-kischen mundartlich mit Keiper oder Kipper bezeichnet wurde und wird. Daraus wurde das Wort Keuper, das aber dann später  weitere Gesteine einbezog, die im Umfeld des Tonsteins vorkommen. In dem Deckel schräg über mir, da siehst du den bunten bröckeligen Kipper-Keuper-Tonstein.

Ja, ich seh´s, ziemlich bröckelig, mal grün-grau, mal rotbraun, manche auch violettgrau oder nur grau. Aber doch ganz anders als du, Resi, oder?

Im Gegensatz zu dem bunten Tonstein links sagen manche Mergelstein oder Tonmergel-stein zu mir, und weil ich mal Gips hatte, auch Gipskeupermergelstein. Als Mergelstein bin ich eine Sonderform des Tonsteins. Oder du hörst das Fremdwort: eine Varietät des Tonsteins. Zu den Tonteilchen kommen bei mir noch Kalkteilchen und auskristallisierter Calcit hinzu. Du siehst, es gibt da Gemein-samkeiten. Schau dich doch ein bisschen...

 

Gibt es hier noch viele Residuums wie dich?, unterbricht ihn das kleine O. Resi bleibt ganz cool:

 

Man sagt Residuen. Ja, die gibt es. Nun geh ruhig mal los. Schau dir´s an!

 

Das kleine O schaut sich das Keupergestein an, insbesondere die Auslaugungsrückstände, die Residuen. Ein zusammengefalles Tonmergelstück mit aufgesetzten weißen Calcit-Kristallen fällt ihm besonders auf:

Du, Resi, die weißen Kristalle, ist das auch Calcit wie bei dir?

Ja, das ist Calcit auf einem zusammenge-fallenen, ausgelaugten Tonmergelstein. Der kommt aus der gleichen Ecke wie ich.

 

Und wo liegt diese Ecke?

 

Wir stammen beide aus einem Weinberg bei Illingen im Enzkreis. Den Calcit übrigens kann man mit Salzsäure nachweisen. Bei mir lieber nicht, aber es funktioniert:

Ein paar der weißen Calcit-Kristalle werden aus dem Tonmergelstein herausgebrochen und zum Größenvergleich auf eine 1-Cent-Münze gelegt:

Danach wird ein einzelner Kristall in einen Marme-ladenglasdeckel gelegt:

Ein paar Tropfen Salzsäure werden auf den Deckel geträufelt. Essigessenz aus dem Supermarkt ginge auch. Es dauert dann alles etwas länger.

Das kleine Calcit-Stück reagiert heftig auf die Salzsäure, was die folgenden Bilder zeigen. Die Salzsäure löst den Calcit auf. Das Stück wird immer kleiner. Je kleiner, desto heftiger jagen es die Gasblasen hin und her. Nach wenigen Minuten bleiben nur noch ein paar Gasblasen übrig.

Die Säure löst das Calcit-Stückchen auf.

Das kleine O schaut sich weitere ausgelaugte Keupergesteine an. Plötzlich fragt es sich, wie alt die Gesteine wohl sind. Es denkt:

 

Ich bin 9 Jahre alt. Ob die da auch 9 sind? Wohl nicht, der Resi sieht ja schon ziemlich alt aus. Ich frage mal den Resi. Oder lieber nicht? Darf man jemanden einfach nach dem Alter fragen? Ist das unhöflich? Ach, ich frage einfach mal. Der Resi ist sicher nicht beleidigt. Der ist doch so nett!

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