Pforzheim - die Steine der  Westtangente (1)

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Gesteinsvielfalt an Pforzheims Westtangente

Was im Folgenden vorgestellt wird, ist das Ergebnis von Beobachtungen zwischen Juli 2016 und Juli 2017 im Umfeld der Baustelle an der Brücke "Heilbronner Straße". Inzwischen hat sich das Umfeld so verändert, dass die Geologie nicht mehr einsehbar ist. Und der Rest ist Baustelle, die man nicht betreten kann.

 

Hier gibt es einen geschichtlichen Rückblick, auf das, was war. Es lohnt sich jetzt nicht mehr, die Westtangente unter einem geologischen Aspekt aufzusuchen. Man würde suchen, aber nichts mehr finden!

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Eine grobe Skizze des geologischen Unterbaus der Westtangente bei der Brücke "Heilbronner Straße". Wie es unterhalb der Straße aussieht, bleibt in der Skizze Spekulation.

Schon wenige hundert Meter nach der Autobahn-Anschlussstelle Pforzheim-West führt die Westtangente (rote Linie) in ansteigendes Gelände. Weil die Gesteinsschichten nicht horizontal liegen, sondern leicht zur Autobahn hin einfallen, konnten Gesteine aus dem Oberen und aus dem Mittleren Muschelkalk beobachtet werden. Die unteren Lagen des Oberen Muschelkalks enthalten reichlich Trochiten, versteinerte Stielglieder einer ausgestorbenen Seelilie. Am Punkt b (rot) waren die Trochiten zum ersten Mal auf der Höhe der Straße zu finden, am Punkt a (rot) zum letzten Mal etwa 8-10 m über dem Straßenniveau. Rechts, nördlich von b nur Beton, links, südlich von a nur noch fossilfreier Dolomitstein aus dem Mittleren Muschelkalk. Wie weit die Schichten des Mittleren Muschelkalks in die Tiefe gehen, konnte für die Skizze nicht festgestellt werden.

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Interessantes wird hier aufgetischt,

für den, der geologisch hungrig ischt.

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Kalksteine von der Westtangente, Pforzheim. Es ist fossilleerer Blaukalk aus den untersten Schichten des Oberen Muschelkalks. Helle Calcit-Adern durchziehen den dunklen Muschelkalk.
Weiße Calcit-Adern im Blaukalk, fossilleerer Kalkstein aus den untersten Lagen des Hauptmuschelkalks.

Lange musste Pforzheim auf den Bau der Westtangente warten. Im Jahr 2015 ging es dann richtig los.  In wenigen Jahren wird das Bauwerk vollendet sein. Die vorübergenden Aufschlüsse sind dann unter Asphalt und Beton oder Gras und Busch verschwunden. Was aber an Steinen, Mineralien und Fossilien da und dort zu sehen war, soll hier mit Bild und Text festgehalten werden.

Die Westtangente ist keine Gerade! Sie ist eine Strecke, eine Verbindung zwischen der Autobahn A 8 und der B 294, die in den Schwarzwald führt. Die Westtangente verkürzt den Weg in den Schwarzwald und entlastet Pforzheims Zentrum beim Durchgangsverkehr.
Blick auf den 1. Bauabschnitt Ende Juni 2017 von der Brücke "Heilbronner Straße". Die Westtangente führt direkt zur Autobahnauffahrt. Auf der linken Seite ist zu erkennen, dass das Gelände zum Brückengeländer hin ansteigt.
Auf der anderen Seite der Brücke "Heilbronner Straße" Ende Juni 2017. Die Westtangente schneidet tief durch grobe Gesteinsmassen. Im Hintergrund ist eine Stufung auf den Hängen zu sehen - Bauvorbereitungen für die Grünbrücke.

Die Westtangente wird in zwei Bauabschnitten verwirklicht. Bis 2019 soll in einem ersten Bauabschnitt die Verbindung bis zur Dietlinger Straße fertig sein. Hier sind vier Brückenbauten nötig - die Brücke mit der Heilbronner Straße, eine Grünbrücke im anschließenden Waldgebiet "Mittelsbergweg" für den Tierwechsel, eine Brücke am ehem. Römerweg-Westweg und die Brücke über die Dietlinger Straße.

Nach Querung der Dietlinger Straße verläuft die Westtangente in einem Tunnel, der bis 2023 fertig sein soll. Der Arlinger Tunnel wird in einem zweiten Bauabschnitt ab 2019 verwirklicht. Da wird es dann geologisch richtig spannend! Spannend war viele Jahre nur, wann der Bau der Westtangente überhaupt mal losgeht!

Die Streckenplanung

von Pforzheims Westtangente

war lange schon zu Ende,

und der Verlauf war klar.

Doch die Westtangente

verblieb so manches Jahr

im tangentialen Schlaf,

denn die Mittel waren rar,

soweit es ihren Bau betraf.

Sie wurde zwar

voll Schmerz vermisst,

weil aber offenbar

weit und breit kein Euro war,

verweilte sie im Dauerschlaf,

wie das halt so manchmal ist.

Dann kam er doch, der Euro,

und hat sie wachgeküsst.

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Die Westtangente quert die B 10 und führt schon nach wenigen hundert Metern an der Brücke "Heilbronner Straße" tief ins ansteigende Gelände hinein.  Allein im Umfeld der Heilbronner Straßenbrücke wurde tonnenweise Gestein bewegt. Das Gestein ist nicht einheitlich. In der Tat lassen sich ein Dutzend unterschiedlicher Steine auf 12 Teller verteilen. Natürlich haben die leckeren "Gerichte" auch ihre Namen. Sie stehen unter den Tellern:

Die Verschiedenartigkeit der Steine an der Westtangente ist beeindruckend.

Viele Steine, viele Namen,

die nach und nach

zum Vorschein kamen.

Darunter Steine, die als

nichts Besonderes gelten,

für den Experten jedenfalls.

Andere sind eher selten.

--------------------------------------------------------------------------------- Blaukalk  Der erste Blick geht bei der Auflistung der Gesteine auf einen Allerweltsstein der Westtangente - den Blaukalk, den typischen fossilleeren Muschelkalk. Die dichte Grundmasse des Kalksteins besteht aus dem Mineral Calcit. Calcit ist leicht zu färben. Fein verteilter Pyrit und Bitumen machen das Mineral Calcit dunkel. Der Stein ist kein Mineral mehr. Er wird zum Gestein mit mindesens drei Bestandteilen: Calcit, Pyrit, Bitumen. Gelb färbende Eisenverbindungen kommen noch dazu.

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Calcit 1 Weißer Calcit ist in Adern und feinen Schichten eingelagert. Er entstand später in den Rissen und kleinen Spalten des ursprünglichen Gesteins. Da später Pyrit und Bitumen fehlten, blieb er weiß.  Brauneisenerz (Limonit) verursacht ein paar rostig-gelbe Flecken. Einzelne Calcit-Steine sind weggebrochene Überreste der Einlagerungen. Die milchtrübe Calcitmasse enthält winzige Einschlüsse von Wasser oder Luft. Kristalle lassen sich kaum erkennen.

r Calcit ist überwiegend eine weiße kristalllose Masse. An der Pfeilen sind all Calcit-Ader im Blaukalk. Der Calcit ist überwiegend eine weiße kristalllose Masse. An den Pfeilen sind allerdings kleine Calcit-Rhomboeder zu erkennen.

Wer auf Calcit im Blaukalk hofft

und gar noch in dicken Adern,

der sollte, denn man findet´s nicht oft,

mit seinem Schicksal nicht hadern.

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Calcit 2 Das Gestein auf den Böschungen ist stark zerrüttet. In Spalten konnte sich durch Verwitterung Lehm und Tonstein ansammeln. In diese Lockermassen sickerte kalkhaltiges Wasser ein. In die weichen tonig-lehmigen Massen hinein konnte der Calcit widerstandslos große Kristalle bilden.

Der weiße Calcit bildet im gelblich-braunen, weichen Lehm deutliche Kristalle.
Die Calcit-Kristalle haben sich Schicht für Schicht in den Lehm hinein gebildet. Die Calcitmasse zerfällt beim Zerschlagen in Rhomboeder.
Mit Hilfe eines leicht fleckigen Geodreiecks wurde ein orangefarbenes Papier mit einem Winkel von 75 Grad geschnitten.
In die Papierecke mit dem 75-Grad-Winkel wurde ein Calcit-Kristall gelegt.
Wenn sich Calcit-Kristalle als Rhomboeder bilden, gehören die beiden Winkelmaße 75° und 105° zwingend dazu. 75° + 105° = 180°, die gerade Linie.
Der im Lehm entstandene Calcit-Brocken wird zerschlagen. Erstaunlich, welche Masse an Einzelsteinchen sich ergibt! Sie zeigen alle eine mehr oder weniger gelungene Rhomboederform.
Die Kamera nähert sich dem Teller: Werden die Rhomboeder zerschlagen, bilden sich wieder Rhomboeder. Da der Kristall sich in flachen Schichten aufbaut, sind die Rhomboeder flach und wirken so eher tellerfüllend.

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Tonmergelstein und Tonstein  Zwischen den groben harten Bänke aus Kalkstein und Dolomitsteinen liegen dünne, weiche, tonig-kalkige Zwischenlagen. Diese Tonmergelsteine verlieren durch Niederschläge ihren Kalkanteil. Regenwasser ist immer eine leichte Säure, die den Kalk auflöst, aber nicht den Ton. Die Zwischenlagen verlieren Kalkteilchen, aber die Tonteilchen bleiben. Ein Teil des Tonmergelsteins wird zum Tonstein. Er klebte in dünnen bröckeligen Schichten auf vielen Steinen des Aushubs.

Der Tonmergelstein fühlt sich zwischen den Fingern rauer und gröber an als der Tonstein. Der Tonstein ist glatter und glänzt ein bisschen wie Kerzenwachs.

Der ockerfarbene, gelblich-bräunliche Tonstein ist weich. Mit der Raspel lässt er sich schnell pulverisieren. Aber er ist trotzdem so stabil, dass er unter der Raspel nicht zerbröselt oder zerbricht!

Die Tonsteinchen fühlen sich zwischen den Fingern hart und stabil an. Kommt der Tonstein allerdings mit Wasser in Berührung, zerfällt er von alleine in viele Teile.

Im Deckel unten ist Wasser (keine Säure). Ein Tonsteinchen wird ins Wasser gelegt. Der Stein fängt sofort an, in sich zu zerfallen. Der Zerfall wurde über zwei Minuten hinweg mehrmals fotografiert. Beim Zerfall gibt der Tonstein knisternd-quietschende Geräusche von sich. Faszinierend! Ein hübsches Experiment!

Der Tonstein kann, wenn er noch bergfeucht ist, geknetet und geformt werden. Der Tonstein zeigt sich als Ton.

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Brockelkalk Die dichten festen Blaukalkbänke enthalten auch Brockelkalk. Das sind Kalkbrocken, die unter dem Hammer mit ein paar Schlägen in viel kleine Teile zerbrechen.

Brockelkalk
Noch nicht zerschlagener Brockelkalk. Die unruhige Oberfläche mit Furchen und Rillen und Löchern lässt den Stein unter dem Hammer leicht zerbrechen. Gelegentlich sind Trochiten im Kalk, Stielglieder einer Seelilie, "Steinührle".

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Flaserkalk Der Kalkstein mit seinen Rillen und Wellen ist im Gegensatz zum Brockelkalk ziemlich fest und unter dem Hammer stabil. Diese besondere Form des Muschelkalks kommt im Bereich der Westtangente auf den Waldwegböschungen bis hin zur Autobahn am "Lange Grundweg" häufig vor.

Flaserkalk

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Bohnerz   In den Kalksteinlagen des Oberen Muschelkalks sind immer wieder Tonmergelsteine eingeschoben. Der Kalkstein und die Mergelsteine enthalten Eisenverbindungen, die bei der Verwitterung zu runden Gebilden werden, dem Bohnerz.

Tonig-lehmige Schichten zwischen den Kalksteinen enthalten Bohnerz.
Bohnerz an der Westtangente

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Oolithischer Trochitenkalk Hin und wieder mischt sich ein lilafarbener Kalkstein unter den normalen dunkelgrauen Kalkstein. Er enthält reichlich rötlichen Hämatit, was den grauen Stein bei einem größeren Abstand lilafarben erscheinen lässt.

Oolithischer Trochitenkalk

Er enthält eiförmige Löcher, in denen Ooide steckten, eiförmige Gebilde aus Calcit. Sie sind herausgebrochen oder haben sich aufgelöst. In den Löchern hat sich wieder Calcit abgelagert, was die Umrisse der Löcher undeutlich macht.

Eiförmige Löcher auf dem Trochitenkalk unter dem Mikroskop

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Muschelkalk, gerundet und mit weißer Rinde

Diese gerundeten weißen Kalkbrocken lassen sich nicht erklären. Sie passen nicht in die Abfolge der Schichten. Vielleicht ist es Fremdgestein, das hier einst entsorgt oder für die Waldwegbefestigung herantransportiert wurde.

Diese runden weißen Steine lagen insbesondere im Übergangsbereich vom Oberen zum Mittleren Muschelkalk. Sie enthalten teilweise Trochiten, manche im Stein, manche kleben gelblich auf dem weißen Stein. Die Steine im oberen Bild liegen zerschlagen im unteren Bild. Sonnenlicht und andere Verwitterungseinflüsse haben die dunkel einfärbenden Bestandteile oberflächlich aufgelöst, so dass die Steine eine ganz dünne weiße Rinde bekamen.

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Dolomitstein Der gelblich verwitternde Stein ist allüberall zu sehen. Er ist kompakt und hart, aber auch mal löchrig und vor allem häufig stylolithisch. Er wird ausführlich unter "Pforzheim, Westtangente 2" vorgestellt.

Stylolithischer Dolomitstein

Zellendolomit mit Calcit zeigte sich im Aushub. Er stammte wohl aus den tieferen Lagen der Diemel-Formation. Dieser Dolomitstein ist mit hellem Calcit durchsetzt, in Adern, Nestern und Drusen. Winzige Kristalle sind zu erkennen.

Zellendolomit aus dem Mittleren Muschelkalk, Westtangente
Gelbliche Dolomitsteine mit reichlich Calcit, weißglitzernd in Drusen, Adern und Nestern.
Nahaufnahme voriges Bild - Calcitdruse im Dolomitstein

Die Westtangente brachte nicht nur ein Dutzend verschiedener Gesteine zu Tage, sondern auch fossilreiche. Bei den Gesteinen sind die "Säulensteine", die Dolomitsteine mit Stylolithen, noch einmal etwas Besonderes, weil sie in Massen zu finden waren. Deshalb geht es hier wegen der Fossilien und Stylolithen weiter unter

 

Pforzheim - die Steine der Westtangente (2)

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