Iptingen - Hochsitz, Höhenmeter und Steine zuhauf

Ein erstarrtes Ungetüm! Oder setzt es sich gleich in Bewegung und schreitet majestätisch aus dem Bild? Auf dieses Ensemble aus Hochsitz, Bäumen und Brettern trifft der Wanderer südwestlich von Iptingen - nur 1 km von der Iptinger Kirche entfernt, aber 125 m höher gelegen! Für die Fernsicht lohnt der Aufstieg. Das Foto entstand an einem sonnigen kalten Tag Ende November 2016. Und damit sind wir bei der Aussage des Bildes: Die beste Zeit für diese kleine geologische Wanderung ist das Winterhalbjahr. Die Vegetation ist niedrig, der Blick auf die Steine unverstellt, beispielsweise unterm Hochsitz! Aber auch die Äcker um den Hochsitz sind voller Steine, so dass die Fernsicht durch eine stein- und aufschlussreiche Nahsicht optimiert ist.

Ein Klick auf die Karte vergrößert sie und macht sie etwas deutlicher lesbar.

Parkmöglichkeiten gibt es auf dem Parkplatz am Friedhof oder in der Straße "Im Täle". Auf der Straße "Im Täle" beginnt die Wanderung. Wir verlassen den Ort in Richtung Westen, halten uns nach 100 m links, nach weitere 150 m noch einmal links: Hier, bei der gelben Eins, beginnt der kurvenreiche Aufstieg.

 

Die Ackerflächen im Bereich der gelben Eins liegen im Mittleren Muschelkalk, dessen Paradestein ein ockergelb verwitternder Dolomitstein ist. Der Dolomitstein ist ein Calcium-Magnesium-Carbonat, während der klassische Kalkstein im Muschelkalk ein Calciumcarbonat ist. Der Dolomitstein ist deutlich härter als ein normaler Muschelkalk. Einzelne Dolomitsteine enthalten viel erdiges Brauneisenerz = Limonit, was sie intensiver gelb oder orangefarben oder rostig-braun macht. Andere Dolomitsteine haben helle, fast weiße Flächen, die aus Calcit-Kristallen bestehen.

 

Es versteht sich von selbst, dass man nicht auf den Äckern umherwandert, denn meistens sind Feldfrüchte angebaut oder eingesät! Die ganze Gegend ist aber so steinreich, dass am Ackerrand immer etwas zu sehen ist.

 

Mittlerer Muschelkalk: links ein Dolomitstein mit Brauneisenerz = Limonit, rechts ein Dolomitstein in seiner Grundfarbe Ockergelb und weißen Calcitkristallflächen. Fundort "gelbe Eins".

Nun geht es den Hang hinauf. Der kurvenreiche landwirtschaftliche Weg endet zunächst in einer lang gezogenen Rechtskurve. Im Bereich der gelben Zwei ist der Obere Muschelkalk mit seinen blaugrauen Kalksteinen erreicht. Aber am Ackerrand sind immer noch ockergelbe Dolomitsteine zu sehen.

Links gelblicher Dolomitstein (Mittlerer Muschelkalk), rechts dunkelgrauer Kalkstein (Oberer Muschelkalk). Fundort "gelbe Zwei".
Trochitenkalk-Formation (mo1): Im Bereich der "gelben Zwei" ist dieser gesprenkelte, hellgraue Kalkstein zu sehen. Er ist fossilleer und stammt aus der untersten Schicht des Oberen Muschelkalks.

Durchwandert wird von unten nach oben, von 1.-4.:

 

4. Oberster Oberer Muschelkalk = Rottweil-Formation/ Trigonodusdolomit (mo delta) - im Bereich der Wart

3. Oberer Oberer Muschelkalk  =  Meißner-Formation/ Ceratitenschichten/ Nodosusschichten (mo2) - die oberen Waldäcker

2. Unterer Oberer Muschelkalk (mo1) =  Trochitenkalk-Formation - die  unteren Waldäcker

1. Oberer Mittlerer Muschelkalk = Diemel-Formation  - Im Täle

 

Der landwirtschaftliche Weg führt breit und asphaltiert weiter den Hang hinauf.  An einer Wegkreuzung erreicht man den hier abgebildeten Hochsitz. Auf der Karte ist er mit "H1" eingezeichnet. Auf dieser Höhe verläuft die Grenze zwischen der Trochitenkalk-Formation (mo1) und der Meißner-Formation (mo2).

Im Bereich der gelben 3, 4, 5 und 6 liegen Steine, die aus den untersten Schichten der Meißner-Formation stammen. Die Meißner-Formation heißt auch Ceratitenschichten. Aber hier gibt es kaum Ceratiten, obwohl der Steinreichtum beeidruckend ist.

Meißner-Formation: gleichmäßig dunkelgrauer Blaukalk, fossilleer
Meißner-Formation: blaugrauer Schillkalk, ein Kalkstein mit Fossilien und Fossiltrümmern. Auf den Fossilresten hat sich eine gelbliche Schicht von Calcit mit Limonit angelagert. Im kleinen Bild sind die Hoernesia-Muscheln rot umrandet.

Meißner-Formation: Der Feldweg führt vom Hochsitz "H 1" nach Osten durch die Waldäcker. Am rechten Wegrand liegt Stein an Stein der Meißner-Formation. Der Bereich der gelben 3, 4, 5 und 6 zieht sich bis zum fernen Waldrand im Hintergrund. Eine wahrhaft steinreiche Gegend.

Meißner-Formation: dreiecksförmige, abgerundete, weiße Kalksteine. Fundort "gelbe Fünf und Sechs".
Meißner-Formation: mit Calcit-Kristallen durchdrungene Steine, zusammengebacken, brekziös. Fundort "gelbe Vier".
Meißner-Formation: große Brocken reiner Calcit, radialstrahlig auskristallisiert, Farbe: gelblich-weiß. Fundort "gelbe Drei und Vier".
Meißner-Formation: Dieser Kalkstein mit seinen Löchern und Röhren ist typisch für die unteren Lagen der Meißner-Formation im Raum Iptingen-Serres. Fundort "gelbe Sechs".
Meißner-Formation: die größeren Löcher können sich durch den ganzen Kalkstein ziehen. Man kann durchgucken!
Meißner-Formation: Im Innern des Kalksteins sind die Röhren gelblich verfärbt oder noch mit einem gelblichen Tonmergelstein ausgefüllt. Die tonig-kalkige Füllung ist weich und lässt sich leicht auskratzen.
Meißner-Formation: gelbliche Tonmergelsteinfüllung. Fundort "gelbe Sechs".

Es ist Ende November 2016. Ein Rapsfeld blüht im frischen Ostwind am Hochsitz "H 1" unter blauem Himmel. Die Meißner-Formation liegt hier verborgen  unter dem Rapsfeld. Der nicht verborgene Steinreichtum beginnt hinter der Buschgruppe am Hochsitz.

Am Hochsitz "H1" vorbei geht es geradewegs hinauf zum Hochsitz "H2", links im Bild. Er steht 125 m höher als die Iptinger Kirche. Sie steht so tief unten, dass nicht einmal die Kirchturm-spitze zu sehen ist!

Auch in dieser Höhe sind die Äcker steinreich. Die Steine, die am Wegrand gut zu sehen sind, stammen aus den höchsten Lagen der Meißner-Formation (mo2). Der Muschelkalk hat hier Kieselsäure aufgenommen. Deshalb hat so mancher Kalkstein an der gelben Sieben verquarzte Stellen.

Obere Meißner-Formation: weißblaugraue Verquarzungen im Kalkstein, die nicht auf Salzsäure reagieren. Das Gestein enthält reichlich Eisenverbindungen, die die Gesteinsgrundmasse gelblich-rostig einfärben. Fundort "gelbe Sieben".
Obere Meißner-Formation: Eine Schicht aus blaugrauem Chalcedon - mikrokristallinem Quarz - überzieht den dunkelgrauen Kalkstein. Fundort "gelbe Sieben".
Vergrößerung des vorigen Bildes: Die aufgeträufelte Salzsäure reagiert auf dem Kalkstein. Auf dem Chalcedon gibt es keine Reaktion, kein Aufschäumen, keine Gasblasen.
Der Klick aufs Bild vergrößert! Am Hochsitz "H2": Links hinten die Weinberge des Stromberggebiets, ganz rechts die Dampf-Fahne des Kraftwerks in Neckarwestheim. Die hellen Häuser gehören zu Vaihingen an der Enz. Iptingen liegt im Talgrund hinter dem Rapsf

Wenn das Wetter passt, wird man sich am Hochsitz "H2" der Fernsicht hingeben. Danach geht es in westlicher Richtung weiter, auf die kleine Baum- und Strauch-Insel "Wart" zu. Hier wird der Untergrund mit Steinen aus der höchsten Abteilung des Oberen Muschelkalks versorgt: Trigonodusdolomit, Rottweil-Formation, mo delta. Im Bereich der gelben Acht, Neun und Zehn liegen überwiegend kompakte, harte, feinkristalline Steine von graubrauner Farbe. Manche haben kleine Drusen. Aber es gibt auch Steine, die sehr drusenreich sind, und Steine, die nicht kristallin sind, dafür aber weich und dendritisch. Hin und wieder liegen auch grobkristalline Steine am Ackerrand.

Rottweil-Formation: Diese Dolomitsteine sind blaugrau oder graubraun und glitzern feinkristallin in der Sonne. Ein Hammerschlag zeigt sofort, dass die Steine sehr hart sind. Fundort: im Bereich der "gelben Acht, Neun und Zehn".
Rottweil-Formation: Es gibt feinkristalline Dolomitsteine (links), hin und wieder auch grobkristalline (rechts). Fundort: "gelbe Acht und Neun".
Links feinkristallin, rechts grobkristallin in der Vergrößerung
Rottweil-Formation: Die grobkristallinen (zuckerkörnigen) Dolomitsteine zeigen unter dem Mikroskop kleine Kristalle auf der Steinoberfläche (rechts). Fundort "gelbe Acht und Neun".
Rottweil-Formation: Die graubraunen, feinkristallinen Dolomitsteine (Trigonodusdolomit) können kleine Drusen enthalten. Fundort: "gelbe Acht, Neun, Zehn".
Rottweil-Formation: Die aufgeträufelte Salzsäure zerläuft auf dem Dolomitstein rund um die Druse, reagiert aber heftig aufschäumend mit dem Calcit in der kleinen Höhlung.
Rottweil-Formation: Die Dolomitsteine können drusenreich sein. Fundort: die"gelbe Acht", östlich der Wart.
Dendritische Steine: Zwischen den feinkristallinen Dolomitsteinen tauchen an der "gelben Neun und Zehn" weichere tonigere Steine auf, die feine schwarze Manganoxid-Flecken haben.

Dieser dolomitische Tonmergelstein im Bereich der Rottweil-Formation reagiert auf Salzsäure. Es bilden sich große Gasblasen, die nach kurzer Zeit in sich zusammenfallen und einen löchrigen Schlamm hinterlassen. Der Schlamm kann ganz leicht mit einem Messer abgeschabt werden. Fundort: gelbe Neun und Zehn.

Die Ackerflächen werden das Jahr über kaum ohne Bewuchs gelassen. Die Erosion hätte am steilen Hang leichte Boden-Beute. Aber die winterliche Pflanzendecke ist bodennah und lückenhaft, so dass immer Steine zu sehen sind. An kalten Tagen gibt es dann noch ein Schmankerl, weil auf den Pflanzenteilen ein besonderes Mineral entdeckt werden kann - Eis!

 

Eis ist ein Mineral! Wasser nicht! Eis erfüllt alle Voraussetzungen, um als Mineral anerkannt zu sein. Es hat eine eindeutige chemische Zusammensetzung - H2O - und ist damit stofflich ein Oxid. Es bildet Kristalle. Die Kristalle haben keinen organischen oder künstlichen Ursprung.

 

Eis kristallisiert im hexagonalen Kristallsystem. Die Sechsseitigkeit ist allerdings im Bild nicht zu beobachten. Bei einer Mohshärte von 1,5 gehört Eis zu den weichen Mineralien. Der Bruch ist muschelig, der Glanz ein Glasglanz.

 

Die Dichte von 0,9167 g/cm3 gilt für luftblasenfreies, reines Eis bei O° C. Auf dem Foto hat das Eis eine höhere Dichte, weil die Temperatur bei -2° C lag und das Eis weiß ist, das heißt, sehr viele kleine Luftbläschen enthielt. An den Luftbläschen bricht sich das Licht in vielfacher Weise, was den undurchsichtig-weißen Eindruck erzeugt.

 

Luftbläschenfreies Eis ist zwar farblos-durchsichtig, aber die Strichfarbe des Minerals Eis ist trotzdem Weiß.

Das Mineral Eis gibt es eher im Winter als im Sommer!

An der Wart ist mit 435 m der höchste Punkt der Wanderung erreicht. Der Abstieg zum geparkten Auto beginnt. Man könnte sich natürlich dieses besondere Mineral Eis mitnehmen, in ein Papiertaschentuch eingewickelt, gut geschützt in der Hosentasche...