Der fossile Muschelkalk ist reich, aber arm!

Muschelkalk mit Fossilien, sicher verfremdet für den Fachmann, vielleicht fremd für den Laien. Die Muschelkalkplatte mit den fünf Brachiopoden stammt aus Kämpfelbach-Ersingen, Sommerhälde, Wanderweg nach Ispringen.

Reich, aber arm! Die Überschrift sagt etwas Wesentliches über die  Versteinerungen, die Fossilien im Muschelkalk aus. Der Muschelkalk kann stellenweise sehr fossilreich sein. So reich an Fossilien, dass sie sogar gesteinsbildend sind. Die Zahl mag hoch sein, die Fülle beeindruckend, aber es geht auch um die Verschiedenheit. Hier tut sich der Muschelkalk schwer. Er bietet bei den Fossilien nur wenige unterschiedliche Tierarten.  Der Muschelkalk ist fossilreich, aber artenarm. Letztendlich reduziert sich das meiste auf die fossilen Reste von ein paar wenigen Meerestieren:

 

Seelilie, Muschel, Schnecke, Ceratit und Terebratel

 

Jetzt folgen eine Bildersammlung und Texte, die für den Laien gedacht sind, für den Wanderer oder die Steinesammlerin, die sich ohne besondere Vorkenntnisse für Versteinerungen interessieren. Es wird nichts Spektakuläres oder Exotisch-Seltenes gezeigt, sondern das Übliche, was am Ackerrand oder auf einem Steinhang auch vom Laien entdeckt werden kann. Der Fachmann weiß, dass der Muschelkalk noch ein bisschen mehr zu bieten hat, noch ein kleines bisschen reicher ist... 

Fossiler Muschelkalk (1) : eine Seelilie

1. Die fossilen Reste einer Seelilie

Fossiler Pop - ein echtes Stück Muschelkalk mit Trochiten, mit Stielgliedern einer Seelilie, bemalt und verfremdet!

Diese runden Gebilde sind versteinerte Stielglieder einer Seelilie. Mit dem Loch in der Mitte und den Einkerbungen zum Rand hin, liegt der Gedanke an eine zeigerlose Uhr nahe. Der Volkmund nennt sie rund um Pforzheim "Steinührle". Die Wissenschaft dachte bei der Namensgebung weniger an Ührchen, sondern mehr an ein Rädchen, übersetzte ins Griechische und nannte die Gebilde "Trochiten" (trochos - Rad, runde Scheibe).

 

Im Raum Pforzheim-Enzkreis sind Trochiten die versteinerten radähnlichen Stielglieder der ausgestorbenen Seelilie "Encrinus liliiformis", die massenhaft im Muschelkalkmeer lebte.

Die Seelilie ist ein Meerestier. Die Seelilienart "Encrinus liliiformis" bevölkerte in großen Kolonien den Boden des Muschelkalkmeeres in einer Tiefe von 10-20 m. Das war vor rund 230 Mio. Jahren.

 

Die Seelilie des Muschelkalkmeeres saß als Tier mit einer Haftscheibe fest am Meeresboden. Die Haftscheibe trug einen langen Stiel, der in einem schüsselähnlichen Kelch endete. Der Kelch umschloss den Weichkörper des Tieres. Aus dem Kelch wuchsen Fangarme, die mit feinsten Fiederchen versehen waren. Mit den Fiederchen ging die Seelilie auf fleischlichen Beutefang. Die Meeresströmung servierte dem Tier ununterbrochen eine Mahlzeit aus winzigem Meeresplankton. Das Plankton blieb in den kammartig angeordneten Fiederchen hängen und wurde über die Arme in Richtung Mund transportiert, verdaut und über einen After wieder ausgeschieden.

Verendete die Seelilie, zerfiel ihr kalkiges Skelett in viele Einzelteile. Insbesondere die Stielglieder überdauerten versteinert die Jahrmillionen. "Encrinus liliiformis" = "die wie eine Lilie geformte Lilie" kommt im unteren Oberen Muschelkalk in Massen vor. Die Kalkschichten nennt man deshalb passenderweise Trochitenkalk. Man kann die Trochiten lose finden, oft von gelblicher Farbe. Bürste und Wasser machen dann aus dem Gelb ein Grau. Meistens aber stecken sie noch im Kalkstein.

Stielglieder der ausgestorbenen Seelilie "Encrinus liliiformis". Die Seelilie ist keine Pflanze. Das wird auch dadurch deutlich, dass keine Blätter vorhanden sind.

Die versteinerten Reste der Seelilie "Encrinus liliiformis" liegen im unteren Oberen Muschelkalk = im unteren Hauptmuschelkalk, der deshalb mit Trochitenkalk-Formation bezeichnet wird.

In den Schichten der Trochitenkalk-Formation treten die Trochiten gehäuft in Bänken auf, die zwischen fast fossilfreien dichten Kalksteinschichten liegen. Diese Trochitenbänke enthalten neben den Seelilienresten auch ganze Muscheln, Armfüßer und zahlreiche Muschelschalentrümmer.

Muschelschalentrümmer werden mit Schill bezeichnet, das löchrige Gestein mit Schillkalk. Diese Schillkalkbank aus der Trochitenkalk-Formation von der Pforzheimer Westtangente enthält Reste von Seelilien, Muscheln und Armfüßern. Unter und über der Schillkalkbank liegt ein dichter, in der Sonne hellgrau gewordener Kalkstein mit Schrumpfungsrissen.

Ein Seelilien-Stielglied zeigt sich auf zwei Arten im Muschelkalk:           - dreidimensional als Trochit, als das Rädchen mit Loch und randlichen Einkerbungen, als "Steinührle" auf der Steinoberfläche und

- zweidimensional als Spiegelfläche eines Calcit-Einkristalls im Innern des Steins, wenn der Stein zerschlagen ist.

Die Bildfolge zeigt ein 2 cm langes Stielglied mit den beiden unter- schiedllichen Enden.

Fossiler Pop: Bemalter Trochitenkalk mit Trochiten auf der einen Seite

und deutlich größeren Spiegelflächen des Calcit-Kristalls auf der anderen Seite. Jede Spiegelfläche kann im Licht hell aufleuchten, im Sonnenlicht sogar blenden. Dafür muss der Stein

bei 16 orangefarben eingekreisten Spiegelflächen in 16 verschiedene Richtungen gedreht werden - eine kleine Seelilien-Spiegelei-Spielerei.

Das lässt sich bei uns im Museum ausprobieren!

Trochiten links als Teil des Gesteins, rechts als feingeschichtetes Calcit-Mineral.

Ein Trochit, links unter der Fotolinse und rechts unter dem Mikroskop

Der Trochiten-Einkristall wächst ebenplattig und dünn Schicht für Schicht. Einzelne Schichten brechen oft weg, dann erhält der Trochit eine treppenförmige Oberfläche.

Richtig ins Licht gedreht, leuchtet die Spiegelfläche des Trochiten-Einkristalls hell auf.

Der Trochit hat ein Zentralkanalloch, in dem die Versorgungsgefäße der Seelilie verliefen. Manchmal lässt sich ein Blick ins Innere werfen: Das Zentralkanalloch wird zur Röhre und stützenden Säule zwischen Deckel und Boden - hohe Stabilität bei größtmöglicher Materialeinsparung!

Die kleinen Wülste, Erhebungen, Noppen, Einkerbungen am Rande des Seelilien-Stielglieds greifen beim Wachsen ineinander und geben so wie bei den Bauklötzchen dem Stiel Halt. Der Stiel ist stabil und gleichzeitig sehr flexibel im Wasserstrom.

Als Besonderheit gibt es in den untersten Schichten des Unteren Muschelkalks dann noch die Seelilienbreccie. Hier sind Dolomitsteine mit zertrümmerten Seelilien-Stielgliedern durchsetzt. Auch die Trümmer der Calcit-Einkristalle spiegeln in der Sonne. Im Foto sind es die hellgrauen Flecken und Fleckchen auf dem gelblichen Dolomitstein.

Trochitenkalk, Westtangente, Pforzheim

Dieses Stück Trochitenkalk zeigt deutlich, dass die Trochiten "gesteinsbildend" sein können. Es sind eben sehr viele Seelilien-Stielglieder in die Gesteinsmasse eingebettet. Der gelbliche Belag ist eine dünne Schicht von Tonmergelstein auf dem grauen Kalkstein.

 

Und hier noch ein Blick auf einzelne Kristalle auf diesem Stein. Das Bild lässt sich mit einem Klick vergrößern!