Märchen im Museum - Kapitel 120 und 121

Das 120. Kapitel: Die Wiedener Zwillinge

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser, falls Sie vergessen haben, wer ich bin: Mein Name ist Büroklammerbarüt, in der Kurzform Bürobarüt. Ich gehöre zur Baryt- oder Schwerspat-Familie. Und genau von der möchte ich Ihnen ein bisschen was erzählen. Die Schwerspat-Familie ist eine große Familie mit vielen braven Verwandten und noch mehr bunten Exoten. Uns findet man auf der ganzen Welt und natürlich auch im Mineralienmuseum Pforzheim.

Hier sehen Sie mich mit meinem kammartigen Haarschopf. Als braves Mineral! Würde ich einfach mal von mir behaupten. Vor mir die vielen Keile, die gehören zu einer einzigen Stufe mit Meißelspat. Den Meißelspat zähle ich zur exotischen Verwandtschaft. Sie etwa nicht? Gut, von mir aus. Im Märchenkapitel 122 werde ich Sie mit dem Meißelspat bekannt machen.

 

Aber beachten Sie jetzt den Turm aus hellen Barytstücken, den ein Hammerjäger für ein Foto aufgeschichtet hat. "Unsere Wald- und Wiesenverwandtschaft", würden jetzt ein paar im Museum sagen. Ich sage das nicht! Diese Bezeichnung lehne ich ab! Das ist nicht mein Stil! Das können Sie mir glauben. Und an meinem Gesichtausdruck auch sehen! Die Baryte im Turm, das ist für mich einfach nur die nichtmuseale Verwandtschaft. Mehr noch, meine interessanten Verwandten. Sie sind da, hier im Museum, aber nicht in den Vitrinen. Sie warten auf Kindergartenkinder, um an sie verschenkt zu werden.

 

Sie haben im Museum nur einen vorübergehenden Aufenthaltsstatus. Ich dagegen darf immer hier sein. Aber bin ich deshalb etwas Besseres? Nur wegen meines hübschen Haarschopfs und meinem sicheren Platz in der Vitrine?

Wie ich so darüber nachdenke, dass ich nie ein Teil dieses schönen Turms sein könnte - nirgendwo bin ich platt genug-, höre ich plötzlich hinter mir eine vertraute Stimme rufen:"Hallo, Bübü!" Also, was ich nicht leiden kann, ist, wenn mich jemand Bübü nennt. Na ja, es ist meine Cousine Spati. Sie will mich nur ein bisschen ärgern. Sie weiß ganz genau, dass Bübü für mich ein rotes Tuch ist.

 

Spati schwebt mit einem feinen Lächeln  auf mich zu. Sie muss mich beim Betrachten des Turms beobachtet haben.

Was jetzt kommt, ist unvermeidlich. Gleich wird sie etwas von "Wald- und Wiesenverwandtschaft" von sich geben. Und tatsächlich. Ein Blick auf den Turm genügt: "Ach, Bürobarüt!"( Ich schaue sie etwas versöhnlicher an.) "Ach, Bürobarüt, da steht sie, turmhoch, unsre bucklige Verwandtschaft!" (Bucklig? Die haben alle platte Flächen!) "Was bin ich doch dankbar, keine solche Wald- und Wiesenherkunft zu haben. Ich sage dir was, Bübü!" (Meine Mundwinkel gehen wieder nach unten.) "Wir können stolz darauf sein, einen Stammraum zu haben. Wir wurden nicht irgendwo eingesammelt. Wir kommen aus Wieden. Wieden im Südschwarzwald. Aus einem Bergwerk mit gutem Namen und dort aus einer der bedeutendsten Klüfte. Das war und ist unser angestammter Raum. Unserer Heimat und unserer Herkunft sind wir verpflichtet!"

Spati redet ohne Punkt und Komma. Ich höre ihr geduldig zu und frage mich, welche Art von Verpflichtung sie jetzt wohl meint. Ich weiß nicht so recht. Vielleicht sollte ich mal wieder zum Friseur.

 

Bei "Wieden" und "Südschwarzwald" ist Spati kaum zu bremsen. Da kommt sie stets ins Träumen und Schwärmen. In ihrer Begeisterung wird sie nur von Schwera übertroffen, von Schwera, ihrer Zwillingsschwester. Die beiden sind einkristallige Zwillinge und zum Verwechseln ähnlich. Spati und Schwera - die Wiedener Zwillinge, so kennt sie hier jeder im Museum. Und jeder weiß um ihre grenzenlose Begeisterung für den südlichen Schwarzwald. Meine Begeisterung hält sich da etwas in Grenzen. Ich war zu jung, als wir von Wieden nach Pforzheim verschleppt wurden. Jedenfalls kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Die Zwillinge sind ja 200 Jahre älter als ich. Da ist die Erinnerung noch eher lebendig.

Die einkristalligen Zwillinge aus Wieden: Schwera links und Spati rechts.

 

Was mich immer fürchterlich nervt, ist, wenn ich mit den Zwillingen verglichen werde. "Sind das deine Schwestern?" (Nein!!) "Das gibt´s ja nicht - wie aus dem Gesicht geschnitten!" (Quatsch!!) "Verblüffend, diese Ähnlichkeit!" (Unsinn!!)

 

Ähnlichkeit? Also, wenn ich alleine vor dem Spiegel stehe, ich finde das überhaupt nicht! Die Brille vielleicht. Wir tragen dasselbe Modell, eins von Fossilmann. Der ist halt günstig. Aber sonst? Ich bitte Sie, die beiden sind 200 Jahre älter als ich! Und ihre Vorurteile und ihre Einbildung sind noch viel älter! Als kämen sie direkt aus dem Erdmittelalter! Aber sonst sind die beiden ganz nett.

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Das 121. Kapitel: Was ein Bollenhut bewirken kann

 

Eins ist sicher, in ihrer Begeisterung für Wieden und den Südschwarzwald ist Schwera noch ein bisschen verrückter als Spati. Das sieht man schon an der Kleidung. Ein- oder zweimal im Monat schwebt Schwera im Trachtenkleid und Bollenhut durchs mitternächtliche Museum.

Dabei singt sie fröhlich vor sich hin:

 

Dem Schwarzwaldmädel geht es gut,

trägt es einen Bollenhut.

 

Wenn ich sie dann so sehe, frage ich mich, was der Bollenhut auf einem Wiedener Kopf tut, denn das sind zwei Paar Stiefel oder Hüte oder Orte. Die Wiedener Frauen tragen keine Bollenhüte. Andererseits ist sie eine Mineralin und Wieden für sie gefühlsmäßig die Hauptstadt des Südschwarzwalds, zumindest mineralmodisch gesehen, oder so...

Wenn Schwera im Trachtenlook durchs Museum schwebt, denken Sie vielleicht, die Mineralien schweben in einem großen Bogen um so eine Verrückte herum. Aber da irren Sie sich! Kaum verlässt Schwera ihre Vitrine, ist sie von Mineralien umringt. Und jeder drängt sie, von Wieden und vom Südschwarzwald zu erzählen.

 

Ich muss ehrlich zugeben, ich bewundere sie dann insgeheim. Sie kann so herrlich schwärmen und ihr Publikum in den Bann ziehen.

 

Für Schwera ist der Hut ein Muss

und sie zu sehen ein Genuss.

 

 Eigentlich erzählt sie nichts Weltbewegendes und vor allem immer wieder das Gleiche: von Wieden und seiner idyllischen Lage, der guten Luft, den frischen munteren Quellen und dem kristallklaren Wasser in den Flüssen und Seen, den saftigen Wiesen im Sommer und den schneeweißen Hängen im Winter und von den hohen Bergen mit ihrer berauschenden Fernsicht. Bei Schwera klingt das immer nach den höchsten Bergen der Welt... Dann spricht sie von den Hammerjägern und deren Sinn für Tradition, unberührte Natur und Kultur. Normalerweise sind wir von den Hammerjägern nicht so begeistert, aber Schwera macht sie zu rosaroten Traumgestalten. Danach malt sie die Schönheit des Naturparks Südschwarzwald in buntesten Farben aus und spricht fast hypnotisch vom dortigen Biosphärengebiet. An der Stelle habe ich immer den Eindruck, die lauschenden Mineralien begreifen weder Bio nach Sphäre, aber das Gebiet muss wunderschön sein. Zum Schluss sagt Schwera dann immer:

 

Geht nun hin, seid guten Muts

durch die Kraft des Bollenhuts!

Dann klatschen alle begeistert und schweben beglückt zurück in ihre Vitrinen.

Kartenskizze - Wiedens Lage im Südschwarzwald

 

Wieden liegt auf keinen Fall bei irgendwelchen

wilden Bergen, sondern unterm schönen Belchen.

 

Wer zugehört hat, ist offensichtlich glücklicher als vorher. Woran liegt das? An Schweras Stimme? Am Bollenhut? Sicher nicht am Inhalt ihrer Schwärmerei. Den muss sie sowieso aus dem Internet haben. Woher soll sie das alles wissen? Sie ist in einem dunklen Bergwerk groß geworden.

Ich denke, ich muss da mal ein paar fragen, die so gerne zuhören. Eine Wiedener Fluorit-Baryt-Stufe ist die erste. Sie erklärt es so:

"Weißt du, Bürobarüt, wenn Schwera von den munteren Quellen erzählt, ist das so eindringlich, dass wir alles ganz deutlich durch ihren Bollenhut hindurch sehen und genießen können. Es ist wunderbar!" Und ich denke:

 

Beglückend ist die Bilderflut

auf dem roten Bollenhut!

Einer der Wiedener Cumberland-Cousins erklärt es so:"Bei dem Gewicht meiner vielen fetten Kristalle, die ich ständig mit mir rumschleppe, bin ich oft müde und erschöpft. In den Vitrinen ist die Luft oft abgestanden. Das macht noch müder. Und dann erzählt Schwera mit leiser Stimme von der frischen Luft auf den hohen Bergen. Ich rieche das durch den Bollenhut hindurch und fühle mich plötzlich wunderbar erfrischt. Alle Müdigkeit ist verflogen."

 

Ist es die Stimme? Ist es der Hut?

Er weiß nur eins: Sie tun ihm gut!

Eine Wiedener Stufe mit violettem Flussspat schwärmt: "Dieses Bild vom kristallklaren Wasser in den Flüssen... Verstehst du, so ein klarer Fluss und ich als Flussspat! Meine Kristalle wären dort kristallklar. Dieses klare Bild im Bollenhut überlagert dann mein Spiegelbild, das ja nicht zu viel an Kristall und Klarheit zeigt."

 

Wie wunderbar im Bollenhut

die Klarheit der Kristalle ruht.

Kleine grünliche Fluoritwürfel, die von tafeligem Baryt und glitzernden Quarzkristallen umbacken sind, erklären mir:

"Durch den Bollenhut hindurch sehen wir das saftige Grün der Wiedener Wiesen und stellen uns vor, wie saftig wiesengrün wir sein könnten. Es ist beglückend!"

 

Durch den Bollenhut hindurch genießen

alle einen Blick auf grüne Wiesen

Quarzkristalle überzuckern einen weißen Baryt aus Wieden. Die Kristalle klagen: "Wir kriegen wegen anderen in unserer Vitrine nicht genug Licht ab. Das ist nicht fair. Wir können so nicht richtig funkeln und glitzern. Niemand nimmt da Rücksicht! Das ist absolut unfair. Und dann hören wir, was Schwera von dem Gebiet im Südschwarzwald erzählt, von diesem biosfairen Gebiet. Das tröstet uns, und wir sind nicht mehr so wütend. Es gibt noch Orte, an denen es fair zugeht."

 

Biosphäre zeigt der Hut,

und das Faire stoppt die Wut.

Eine große flache Stufe mit Hemimorphit (XX = Kristalle) auf weißem Baryt aus der Grube Anton, Wieden, mit lupenkleinen Kristallen:

"Am besten gefällt mir die Stelle, an der Schwera von den Bergen spricht. Ganz deutlich sehe ich sie dann zwischen den roten Bollen auf ihrem Hut. (Sieht man nun Schwera oder die Berge?) Die Höhe der Berge ist ja so beeindruckend und die Aussicht. Für mich eine berauschende Vorstellung, weil ich doch so flach bin."

 

Ist die Stufe groß und flach,

ist der Bollenhut a gute Sach!

Schwarzwaldhimmel, Nadelbaum,

der Bollenhut gibt beidem Raum!

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Das 122. Kapitel: Vorurteile und Dünkel

 

(in der Planung!)